Christus allein

Warum lesen wir die Bibel?

Bildquelle: Wikipedia

Für viele (evangelikale) Christen gehört die „Stille Zeit“ fest zum Alltag – das ist zumindest der Anspruch, den man sich selbst stellt, wenn auch die Praxis oft hinterherhinkt. Doch seit wann lesen Christen eigentlich die Bibel? Wer hat überhaupt die Stille Zeit erfunden? (Diese Fragen möchte ich hier nicht beantworten; sollte man sich jedoch für eine Antwort interessieren, kann der Wikipedia-Eintrag zur „Quiet Time“ als Einstieg helfen). Vielleicht ist man manchmal (zu) schnell geneigt, Tipps zu sammeln, die versprechen, die Gemeinschaft mit Gott zu verbessern. Die Gefahr dabei ist, dass man das Grundsätzliche beim Bibellesen vergisst: Worum geht es da eigentlich? Warum machen wir das? Warum lesen Christen in der Bibel? Im Rahmen einer Jugendstunde durfte ich mir vor einiger Zeit darüber ein paar Gedanken machen, die ich an dieser Stelle teilen möchte.

(1) Das Wort Gottes sollte als Gemeinschaftsprojekt gedacht werden  

In 5. Mo. 6,4-9 finden wir eine Zusammenfassung des Gesetzes, bei dem es sich ja um Gottes geoffenbartes Wort handelt: Es geht darum, Gott von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft zu lieben. Im Matthäusevangelium (Mt. 22,34-40) wird dieses dann auch von Jesus wiederholt und bestätigt. Wie geht aber die Textstelle in 5. Mose weiter, nachdem die Liebe als zentrales Ziel des Gesetzes herausgestellt wurde? Direkt im Anschluss ordnet Gott an, dieses (Gesetzes)Wort im Herzen zu tragen, den Kindern einzuschärfen, immer (zu Hause, unterwegs, beim Hinlegen und Aufstehen) davon zu reden, an der Hand und zwischen den Augen zu tragen und an den Türpfosten zu befestigen.

Deutlicher kann Gott sein Anliegen kaum formulieren: Sein Wort Gottes muss den Alltag prägen und das geschieht gemeinschaftlich (im „Kollektiv“, wenn man so will). Wenn das Wort Gottes dein Leben verändern soll, dann kann das nicht in Einzelarbeit geschehen; du musst es dir von anderen sagen lassen und selbst auch anderen die Worte Gottes zusprechen, wobei gewisse „Rituale“ durchaus eine Rolle spielen können. Welchem Bruder und welcher Schwester kannst du das Wort Gottes sagen? Von welchen Geschwistern musst du es hören? Wie kannst du dir Gottes Wort an die Hand, zwischen die Augen und an die Türpfosten binden? Dieses ist, glaube ich, grundlegend wichtig: Unser persönliches Bibellesen, auf das ich gleich komme, muss in diesem Gemeinschafts- bzw. Gemeinderahmen stattfinden. Eine völlig individualisierte und von christlicher Gemeinschaft isolierte Viertelstunde Stille Zeit wird unser Leben nicht verändern.

(2) Im Wort Gottes Jesus hören

Auch wenn Lebensveränderung durch das Wort Gottes diese unentbehrliche Gemeinschaftskomponente aufweist, müssen wir als Christen natürlich auch individuell das Wort Gottes in unseren Herzen bewegen. Der Psalter beginnt damit, dass demjenigen das „Wohl“ zugesprochen wird, der Tag und Nacht über Gottes Wort nachsinnt. Dieses Nachsinnen richtet sich auch an die Christen, die keine Bibel haben oder nicht lesen können; für uns, die wir alle eine Bibel besitzen und des Lesens mächtig sind, kann das natürlich nicht das Problem sein: Wir haben keine Ausrede dafür, nicht die Bibel zu lesen.

Der entscheidende Punkt an dieser Stelle ist allerdings das „Nachsinnen“ oder „Meditieren“. Das Problem bei dem Konzept der Stillen Zeit ist, dass man sie so schnell als Pflichterfüllung versteht. Wir kennen wohl alle Gedanken wie „Ich muss noch (schnell) Stille Zeit machen, dann kann ich mich den Sachen zuwenden, die mir Spaß machen“. Beim Bibellesen geht es aber darum, dass wir Gott nahekommen und nicht um das Abhaken eines Gesetzes.

Es geht beim Bibellesen tatsächlich darum, Jesus wirklich zu begegnen. Wir sollten die Bibel nicht als funktionalistische Gebrauchsanweisung lesen (im Sinne von: Was muss ich noch tun, damit ich als Christ effektiver lebe); auch sollten wir die Bibel nicht nur dahingehend lesen, dass wir sie lehrmäßig richtig verstehen (im Sinne von: Was ist die korrekte theologische Aussage dieses Textes?). Natürlich ist beides wichtig: Wir müssen die Bibel sowohl richtig verstehen, als auch ihr gehorsam sein. Was ich meine, kann man anhand des 23. Psalms deutlich machen: Was machen wir mit diesem Psalm, wenn wir ihn in den historischen und biblischen Kontext eingebettet haben, wenn wir die christologischen Bezüge herausgestellt haben und ihn auch sonst theologisch ausführlich analysiert haben? Haken wir Psalm 23 dann als „verstanden“ ab und wenden uns theologisch anspruchsvolleren Texten zu? Die Bibel (ausschließlich) so zu lesen, wäre ein fataler Fehler: Es geht doch darum, dass wir im Psalm 23 die Stimme dieses guten Hirten hören, von dem David dort Zeugnis gibt; es geht darum, diesen Hirten kennenzulernen; und dann auch selber mit ihm zu reden.

(3) Gottes Wort und unser Herz

David beendet den Psalm 19 mit folgendem Wunsch, den er an Gott richtet: „Lass dir wohlgefallen die Rede meines Mundes und das Gespräch meines Herzens vor dir, HERR, mein Fels und mein Erlöser“. David drückt hier den Wunsch nach einer zweifachen Integrität aus: der des Mundes und der des Herzens. Die Rede des Mundes können außer David auch noch andere hören; diese (hörbaren) Worte sollen Gott gefallen, David möchte Gott mit diesen Worten keine Schande bereiten. Dann spricht er aber auch von dem Gespräch seines Herzens: Dieses kann niemand außer David hören, das Gespräch des Herzens macht offenbar, was David wirklich möchte. Die Rede des Mundes kann man (mehr oder weniger leicht) den Anforderungen des Umfelds anpassen und wird so unter gewissen Umständen sehr schnell sehr fromm. Das Gespräch des Herzens ist hier vielleicht aufschlussreicher: Liebst du Gott auch dann noch, wenn da keine anderen Gläubigen sind, in deren Gegenwart es „wichtig“ oder „effektiv“ oder „angebracht“ ist, den Herrn zu lieben? Liebst du Gott tatsächlich um seiner selbst willen, oder möchtest du einfach nur zu einer bestimmten Gruppe Gläubiger dazugehören und glaubst darum an Gott? Das Gespräch des Herzens macht diese Dinge offenbar – und dieses Gespräch des Herzens muss Gott wohlgefallen.

Die Medaille des Wortes Gottes

Dennoch sollten wir abschließend kurz zu unserem ersten Punkt zurückkehren: dem Wort Gottes als Gemeinschaftsprojekt. Die individuelle Herzensfrage sollte von den anderen beiden Punkten nicht losgelöst werden. Ja, es geht darum, dass wir mit unseren Herzen persönlich vor Gott stehen und nicht im Gemeindekollektiv heucheln. Doch wie und wodurch wird unser Herz (auch) geformt? Richtig, durch die Menschen, mit denen wir (in der Gemeinde) Umgang pflegen. Um mit unserem Herz ganz ehrlich und persönlich im Licht Gottes stehen zu können, müssen wir uns nicht von der Gemeinde zurückziehen, wir dürfen es auch gar nicht; vielmehr ist es so, dass wir diese Gemeinschaft brauchen, damit in uns ein Herz geformt wird, das wirklich ehrlich vor Gott stehen kann. Die Gemeinschaft mit Mitchristen und das persönliche Stehen vor Gott sind zwei Seiten einer Medaille – der Medaille des Wortes Gottes, das Leben spendet und unser armes Leben im Hier und Jetzt kraftvoll transformiert.

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