Christus allein

Gesetz und Gnade in „Les Misérables“ (1): Valjeans Soliloquium

Gnade gehört zu den zentralen Themen der Heiligen Schrift, sie ist das Herzstück des Evangeliums. Gott errettet uns in Christus aus Gnade, was bedeutet, dass wir uns unser Heil nicht verdienen können. Es ist ein Geschenk Gottes und kann auch nur als solches empfangen werden. Dabei muss man allerdings vorsichtig sein, Gnade nicht zu trivialisieren. Zum einen besteht die Gefahr der Verkündigung einer „billigen Gnade“, die die Kosten der Nachfolge und die Notwendigkeit des Glaubensgehorsams unterschlägt (Bonhoeffer betont diesen Aspekt in Nachfolge sehr stark); zum anderen darf Gnade aber, glaube ich, nicht als „Angebot“ verstanden werden, dass von uns immer und jederzeit (auf unseren Wunsch hin) ohne weiteres abgerufen werden kann. Natürlich lebt der Gläubige nur aus der Gnade Gottes; und natürlich laden wir Ungläubige „zur Zeit und zur Unzeit“ zum Evangelium der Gnade ein. Wenn ich sage, dass uns Gnade nicht einfach so „ohne weiteres“ auf Knopfdruck zur Verfügung steht, meine ich damit, dass uns die Gnade Gottes immer vor eine Entscheidung stellt; wir müssen auf sein Gnadenangebot reagieren; und unsere Reaktion hat immer Konsequenzen.

Was ich mit all diesem meine, wird in Tom Hoopers 2012 erschienenen Film Les Misérables sehr schön deutlich. Der Film beruht auf Claude-Michel Schönbergs Musical, welches wiederum Victor Hugos 1862 erschienen Roman zur Grundlage hat. Erzählt wird die Geschichte von Jean Valjean, der, weil er für seine an Hunger leidende Familie einen Laib Brot gestohlen hat, 19 Jahre im Gefängnis verbracht hat und nun auf Bewährung freigelassen wird. Die andere zentrale Figur ist Inspektor Javert, der nur an das Gesetz und strenge Gerechtigkeit glaubt und Jean Valjean, nachdem dieser seine Bewährung gebrochen hat, durchgehende verfolgt. Beide Charaktere werden im Laufe des Films mit einem Akt radikaler Gnade konfrontiert; und beide reagieren darauf – mit weitreichenden Konsequenzen.

Als Christ erschließt sich mir kein anderer (und auch kein besserer) Zugang zum Film als über das darin verhandelte Thema der Gnade. Tim und Kathy Keller erinnern sich in ihrer Rezension einer Broadway-Aufführung von Les Misérables an einen Pastor, der sich während der Aufführung zu ihnen umdrehte und meinte: „Ich weiß worum es hier geht, aber was denken die ganzen anderen Leute, worum es in dieser Aufführung geht?“ Interessanterweise kommen denn auch die beiden (säkularen) Filmrezensenten des Guardian mit dem Film nicht wirklich zurecht: Die Unterzeile in Peter Bradshaws (doch positiver) Rezension lautet: „Tom Hoopers Film ist ein kolossaler Kraftaufwand – nach 158 Minuten hast du wirklich etwas erlebt. Es ist nur nicht klar was“. Im Artikel macht Bradshaw dann die interessante Bemerkung, dass selbst er als Ungläubiger von diesem Musical und der gewaltigen Aufführung in eine Unterwerfung geschmettert wurde („battered into submission“). Catherine Bradshaw hingegen macht in einer (negativen) Videorezension deutlich, dass sie vergeblich nach einer politischen Botschaft Ausschau gehalten hat; während andere Film des Jahres 2012 wie Lincoln und Django sich offensichtlich gegen den Rassismus wenden, fragt sie sich bei Les Miserables: „Hier, wogegen um alles in der Welt sollen wir denn bitteschön protestieren?“ Weder der Unglaube, noch das Politische scheinen den Film angemessen zu erschließen. Was ich an dieser Stelle versuchen möchte, ist zwei Schlüsselszenen christlich zu deuten: und zwar unter dem Aspekt der Gnade.

Valjeans Soliloquium

Nachdem Jean Valjean auf Bewährung freigelassen wird, durchwandert er in dem Bemühen das Land, eine Anstellung zu finden. Da seine Papiere ihn jedoch als gefährlich ausweisen, wird er immer wieder abgelehnt. Schließlich wird er – hart, verbittert und enttäuscht vom Leben – von einem Priester aufgenommen, der ihm Brot und Bett bietet. In der Nacht macht sich Valjean jedoch auf und verlässt mit dem Silber des Priesters dessen Residenz. Er wird allerdings von der Polizei überführt, die ihn zurück zu dem Priester bringt. Die Aussage des Priesters würde Valjean direkt zurück ins Gefängnis schicken. Bradshaw beschreibt die nachfolgende Szene in seiner bereits angeführten Rezension treffend:

Die berührendste Szene findet sich im Eröffnungsakt des Films, in der Valjean erstaunt und bewegt von der christusähnlichen Barmherzigkeit des Bischofs (Colm Wilkinson), der ihn aufnimmt und ihm den Diebstahl seines Silbers vergibt, indem er es ihm schenkt und ihn so vor dem Gefängnis bewahrt („Ich habe deine Seele für Gott errettet“). Jackman singt sein Soliloquium direkt in die Kamera („Warum habe ich es diesem Mann erlaubt, meine Seele zu berühren und mich Liebe zu lehren?“), seine Augen leuchten mit einer neuen Erkenntnis.

Hier das Ringen Valjeans (eindrucksvoll gespielt von Hugh Jackman), nachdem ihm Gnade widerfahren ist:

Valjean beginnt damit, seine Sünde zu reflektieren: Bin ich so tief gefallen? Ist da nichts anderes als der Schrei meines Hasses? Sollte es einen anderen Weg geben, so hat er diesen vor 20 Jahren verpasst. Und doch fragt sich Valjean, warum er sich von der Gnade des Priesters – der ihm sein Vertrauen gab, ihn Bruder nannte, sein Leben für Gott beanspruchte – hat berühren lassen. Schließlich hat er die Welt, die ihn immer hasste, auch nur zurückgehasst und sein Herz in einen Stein verwandelt.

Die Gnade des Priesters fordert Valjean heraus: Er fühlt seine Scham, die unverdiente Freiheit bringt aber auch neuen Geist in sein Leben. Valjean endet mit folgenden Worten:

„I am reaching, but I fall / And the night is closing in / As I stare into the void / To the whirlpool of my sin / I’ll escape now from that world / From the world of Jean Valjean / Jean Valjean is nothing now / Another story must begin“ („Ich strecke mich aus, aber ich falle / Und die Nacht kommt heran / Wie ich in die Leere starre / In den Strudel meiner Sünde / Ich entfliehe nun dieser Welt / Dieser Welt Jean Valjeans / Jean Valjean ist nichts mehr nun / Eine andere Geschichte muss beginnen“).

Die Gnade des Priesters hat Valjean vor eine existenzielle Frage gestellt: Was mache ich mit der mir geschenkten Freiheit? Wie reagiere ich auf die unverdiente Liebe? Was wird mit meiner Scham? Wichtig ist dabei festzuhalten, dass Valjean sich entscheiden muss. Er kann sich das Gnadenangebot nicht für einen anderen Tag „beiseitelegen“. Heute (um es mit dem Hebräerbrief zu sagen) hört er die Stimme der Gnade und heute muss er sein Herz dafür öffnen – oder es weiter verstocken.

Valjean entscheidet sich, dem Alten zu entfliehen: eine neue Geschichte muss beginnen. Gnade macht das tatsächlich möglich. Aber keine billige Gnade; keine Gnade, die man „so nebenbei“ einmal in Anspruch nimmt; keine Gnade, die nichts von einem Strudel der Sünde weiß – sondern nur die Gnade, die Valjean in seiner Verlorenheit und Verhärtung begegnet ist; die Gnade, die Valjean seinen Stolz und den Priester sein Silber gekostet hat; die Gnade, die Christus das Leben gekostet hat.

Der Reaktion Valjeans werde ich morgen die Reaktion des Inspektors Javert gegenüberstellen und die beiden noch einmal vergleichen.

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