Christus allein

Gesetz und Gnade in „Les Misérables“ (2): Javerts Suizid

Gestern habe ich mich (hier) mit Jean Valjeans „Bekehrung“ (wenn man so will) auseinandergesetzt. Jean Valjean wird, nachdem er auf die freundliche Aufnahme eines Priesters mit dem Diebstahl dessen Silbers reagiert hat, zu gerade diesem Priester zurückgeführt, der ihm in einem Akt der Gnade das gestohlene Silber schenkt und ihn so vor der gerechten Gefängnisstrafe bewahrt und die Freiheit schenkt. Valjean entscheidet sich, von Gnade berührt, sein altes Leben hinter sich zu lassen und ein neues zu beginnen.

Inspektor Javert, der Valjean während dessen Zeit im Gefängnis kennengelernt hat, kennt keine Gnade. Er, ein Diener des Gesetzes und des Rechts, kennt nur Gerechtigkeit. Seine Weltanschauung wird in dem Lied „Stars“ deutlich:

Zum Ende des Film fällt dann Javert, der Valjean, den Gesetzesbrecher, durchgehend verfolgt, in dessen Hände. Javert rechnet fest damit, dass Valjean ihn tötet. Der Gnadenakt des Priesters hat Valjean jedoch verändert. Wie ihm damals die Freiheit geschenkt wurde, so schenkt er Javert sein Leben und lässt ihn frei. Die erfahrene Gnade stellt Javerts Weltanschauung fundamental in Frage. Wie soll er, der nur Verdienst, Gerechtigkeit und Gesetz kennt, mit einer geschenkten Freiheit umgehen? Eine Freiheit, die er nicht selbst durch das Befolgen des Gesetzes verdient hat? Kann das sein? Javert ringt mit sich und dem erfahrenen Gnadenakt:

Was für ein Mann ist das, fragt sich Javert, um welchen Teufel handelt es sich hier? Javert kann nicht begreifen, wie einer, der Vergeltung üben kann, sich entscheidet, ihm sein Leben zu schenken. Folgende Worte Javerts bringen die Unvereinbarkeit von Gesetz und Gnade unglaublich gut auf den Punkt:

„Damned if I’ll live in the debt of a thief! / Damned if I’ll yield at the end of the chase. / I am the law and the law is not mocked / I’ll spit his pity right back in his face / There is nothing on earth that we share / It is either Valjean or Javert! “ („Verdammt, sollte ich in der Schuld eines Diebes stehen! / Verdammt, sollte ich am Ende meiner Jagd aufgeben. / Ich bin das Gesetz und das Gesetz wird nicht verspottet / Ich spucke ihm sein Mitleid direkt ins Gesicht / Da ist nichts auf Erden, was wir teilen / Entweder Valjean oder Javert!“).

Und doch stellen sich Javert auch Fragen: Können Valjeans Sünden vergeben werden? Muss er, Javert, nun beginnen zu zweifeln? Er, der in all den Jahren niemals zweifeln musste? Javert fragt sich, ob Valjean aus dem Himmel oder der Hölle kommt – und muss sich fragen, ob das Geschenk des Lebens, ihn, der Geschenke nicht kennt, doch gerade getötet hat?

Es ist interessant zu beobachten, dass die Melodie und die Rhythmusstruktur in „Valjeans Soliloquium“ und „Javerts Suizid“, also in beiden Reaktionen auf Gnade, identisch sind. Und genau wie Valjean, beginnt auch Javert seine letzten Worte mit „I am reaching, but I fall“ („Ich strecke mich aus, aber ich falle“), doch seine Sterne des Gesetzes, des Rechts und der Gerechtigkeit sind schwarz und kalt. Genau wie Valjean starrt auch Javert in die Leere, sieht allerdings nicht den Strudel seiner Sünde (wie Valjean), sondern nur eine Welt, die nicht mehr hält („As I stare into the void / Of a world that cannot hold“). Genau wie Valjean entscheidet sich nun auch Javert, der Welt Jean Valjeans zu entfliehen „I’ll escape now from that world / From the world of Jean Valjean“), doch für Inspektor Javert beginnt keine neue Geschichte – sondern er beendet mit einem Sprung von der Brücke sein Leben.

Gnade ist kein nettes Angebot Gottes, das uns jederzeit auf Abruf bereitsteht. Gnade stellt uns immer vor eine Entscheidung: Verstocke ich mein Herz? Oder bin ich bereit, meinen Stolz aufzugeben und mir Freiheit und Liebe schenken zu lassen? Das sind übrigens sehr praktische Fragen – und zwar nicht nur für Nichtchristen, die sich fragen, was sie mit dem Gnadenangebot Jesu machen sollen. Auch Gläubige stehen, glaube ich, immer wieder vor dieser Entscheidung, neigen wir doch dazu, ins Gesetzesdenken zurückzufallen. Lasse ich mich von meiner Sünde entmutigen und verhärten und rede mir dann ein, dass es ja doch alles kein Sinn hat? Eine derartige Verzweiflung kann mitunter fromm klingen, aber könnte es sein, dass sich dahinter vielleicht doch unser Stolz verbirgt, der gegen die Gnade aufbegehrt? Was bleibt uns denn anderes übrig, als uns zu demütigen und Christi Gnade wieder in Anspruch zu nehmen? Nichts – außer der Weg Javerts in den Tod.

Auch viele „Kleinigkeiten“ können, glaube ich, kaum anders gelöst werden. Was mache ich mit einem Tag, der schon schlecht angefangen hat, weil ich zu spät aufgestanden bin? Bleibt mir etwas anderes übrig, als die Gnade Christi in Anspruch zu nehmen und weiterzumachen? Was mache ich mit erfahrenem Unrecht in der Gemeinde? Ziehe ich mich zurück und verhärte ich mich gegenüber meinen Geschwistern? Damit zerstöre ich letztendlich doch nur mich. Die einzig wirkliche Option ist Gnade und Vergebung. In allen Bereichen des Lebens.

„It is either Valjean or Javert!“ – entweder Valjean oder Javert, Gnade oder Gesetz, Leben oder Tod: diese Entscheidung werden wir nicht los.

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2 Kommentare

  1. Hallo Ihr Lieben, so schön zu sehen, wie Ihr über die Schrift (die Bibel) und „man höre und staune“ über den Film „Les miserables“ zu der Erkenntnis von Paulus aus dem Römerbrief und dem Galaterbrief von Gesetz und Gnade bzw. Gesetz und Evangelium kommt. Es gibt ein Bild von einem Maler Lukas Cranach (ein Zeitgenosse Luthers) mit genau diesem Titel, welches er vor ca. 500 Jahren gemalt hat. Das würde hier auch super in Euren Blog passen. Sehr schön erklärt hier: http://www.eule-der-minerva.de/impulse/cranach/cranach.htm. Es ist so erstaunlich wie Gott (bzw. der Heilige Geist…) seine Leute immer wieder zurück zu Gesetz und Gnade führt. Viele Grüße, Eure Heike

  2. Hallo Heike,

    Danke für deinen Kommentar und den Link! Ich finde es auch immer sehr schön und anregend, wenn Kunst sich niveauvoll mit den großen Fragen der Hl. Schrift und des Lebens beschäftigt.

    LG
    Harry

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