Christus allein

Die Endlichkeit des Lebens

Eine Beerdigung, wie ich sie in der letzten Wochen erlebt habe, ist immer wieder ein erdendes Ereignis. Dabei denke ich nicht an den liturgischen Satz des Predigers am Grab „Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zu Staub“, mit dem der Leichnam der Erde zurückgegeben wird. Ich denke vielmehr an mich, den Mittrauernden, für den die Erdung (bzw. Grablegung) des Gestorbenen ein Erlebnis ist, das ihn aus Wunschbildern und Visionen in die Realität holt. In dem Roman Eugen Onegin beschreibt Puschkin poetisch die Vergänglichkeit des menschlichen Lebens:

Ach! In den Furchen des Lebens,
in einer kurzen Ernte,
sprießen, reifen und fallen die Generationen
nach dem verborgenen Willen der Vorsehung;
andere folgen auf ihren Spuren …
So wächst auch unser leichtsinniges Geschlecht,
gerät in Gärung, schäumt über
und drängt die Ahnen in ihr Grab.
Auch für uns wird die Zeit kommen, auch für uns,
da auch wir eines schönes Tages
von unseren Enkeln aus der Welt hinausgedrängt werden.[1]

Diese Zeilen wecken das Herz aus dem Schlaf der Betriebsamkeit und stellen die Unausweichlichkeit und die Realität des Endes vor Augen. Sie illustrieren, dass das Leben nur ein Dunst ist, eine Welle, die im nächsten Moment am Strand ausgelaufen ist. All dies wird mir auf einer Beerdigung bewusst. Häufig genug gehe ich an das Leben heran, als wäre dieses ein sich ewig drehendes Mühlrad. Die Konfrontation mit dem Tod nimmt die Lebensziele und -motive heilsam unter Beschuss. Das Leben wird auf seine elementaren Säulen geprüft. Ist das was mein Leben ausmacht und hält auch aus den Augen des Todes wert- und sinnvoll? Sind die Konflikte, in denen ich stehe, es wert, ausgefochten zu werden? Sind meine Ziele es wert, mit ganzer Hingabe verfolgt zu werden? Als Christen dürfen wir unser Leben sogar noch aus einer Ebene höher betrachten – aus der Ewigkeit. Das Grab ermahnt uns zu einem ewigkeitsbewusstem Lebensstil. Wayne Mack rät in seinem Buch „Demut. Die vergessene Tugend“ im Kampf gegen Stolz:„Denke viel über die Ernsthaftigkeit des Todes, die Gewissheit des Jüngsten Gerichts und die ungeheure Ausdehnung der Ewigkeit nach.“[2] Ich möchte das Gebet des Mose zu dem meinen machen: „Lehre mich bedenken, dass ich sterben muss, auf dass ich klug werde.“


[1] Puschkin, Alexander (2013): Eugen Onegin. S.52 (Reclam-Ausgabe).

[2] Mack, Wayne (2011): Demut. Die vergessene Tugend. S.9.

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