Christus allein

„Tiefer lesen“ – warum es wichtig ist

Vor einigen Wochen fragte ich einen Freund nach seiner aktuellen Lektüre. Er antwortete, dass er zurzeit nicht lesen würde. Als ich ihn nach dem Grund dafür fragte, bekam ich die Antwort: „Ich habe das Lesen verlernt!“ Was war mit dieser Antwort gemeint? Sicher nicht, dass er ein Analphabet geworden sei und neu das ABC lernen müsse. Gemeint war auch nicht das Lesen von Artikeln der (Online-)Zeitungen, Tweets oder Zusammenfassungen von Sportereignissen. Gemeint war eine Form des Lesens, die ich hier als „tiefes Lesen“ bezeichnen möchte. Das konzentrierte Lesen von Texten, für die eine größere Aufmerksamkeitsspanne nötig ist als für diesen kurzen Artikel. Kommt dir das bekannt vor? Hast du auch Bücher, die du gerne lesen würdest und doch liest du sie nicht?

Ich möchte hier auf zwei Ursachen eingehen, die uns vom diesem tiefen Lesen abhalten können.

Ablenkungen

Eine davon ist die Ablenkung. Wo liegt unser Smartphone wenn wir ein Buch lesen? Sind wir jederzeit bereit, eine WhatsApp zu erhalten und zu beantworten? Sehen oder hören wir während dem Lesen, wenn wir eine neue Mail erhalten oder ein neues Angebot bei eBay eingestellt wurde?

Mir ist aufgefallen, dass diese Art von Ablenkung uns besonders stark aus dem Lesefluss und dem Gedankengang reißt (verglichen mit der Ablenkung, die man beispielsweise bei einer Bahnfahrt durch die Durchsagen erlebt). Wenn wir das tiefe Lesen (wieder neu) lernen möchten, sollten wir solche Ablenkungen möglichst reduzieren oder ganz vermeiden.[1]

Sicher gibt es auch Ablenkungen, die uns gar nicht erst zum Lesen kommen lassen. Das können Filme und gerade auch Serien sein, die einem das Lesen verlernen lassen.

Große Breite verhindert Tiefgang

Eine zweite mögliche Ursache könnte darin liegen, dass wir heute (auch gerade durch die elektronischen Medien) eine große Bandbreite an Literatur haben. Der Zugang zur Literatur ist deutlich einfacher als noch vor ein paar Jahrzehnten. Wir haben also eine sehr große Auswahl an Büchern. Mir geht es da oft so, dass ich am liebsten alle möglichen Bücher lesen würde. Deshalb fange ich viele an, lese Bücher zu den unterschiedlichsten Themen und habe so eher einen breiten (man könnte auch sagen: oberflächlichen) Überblick statt eines tiefgehenden Einblicks in die Sachverhalte und einer damit verbundenen nachhaltigen Prägung.

In einem Artikel der Gospel Coalition bespricht Greg Bailey ein Buch eines Literaturkritikers aus dem Jahre 1994: The Gutenberg Elegies von Sven Birkert. In diesem Buch warnte Birkert davor, dass die Lesegewohnheiten der Gesellschaft sich durch den Einzug des Computers radikal verändern würden. Mehr als 25 Jahre später kann man genau das feststellen.

Bailey kommt in seiner Besprechung zu dem folgenden Fazit:

In zweiter Linie aber deckt Birkerts die subtilen Gefahren der Informationsverbreitung auf und hilft mir zu erkennen, dass das, was sich anfühlen kann wie „den Überblick zu behalten“, in Wirklichkeit nichts anderes ist als eine Ablenkung vom Besten der Dinge. So fordert er mich heraus, mich auf das zu konzentrieren, was am besten, wahrhaftig und schön ist – meine begrenzte Lesezeit erstens mit dem Wort Gottes zu verbringen und zweitens mit bewährten Büchern, die mir helfen, das Wort und seinen Autor zu verstehen. John Wesleys leidenschaftliches Gebet „Lass mich ein Mann eines Buches sein“ schwingt nach der Lektüre von Birkerts tiefer in mir nach. Es hört nie auf, mich zu faszinieren und zu erfreuen, dass Gott uns seine Gedanken in einem Buch gegeben hat, einem Medium, das uns zum Lesen auffordert. Natürlich ist es kein einfaches Buch, das sich leicht in Schnipsel und „Bits“ übersetzt, sondern es fordert und belohnt die tiefe Lektüre. Um es in Birkerts Worten auszudrücken, verlangt es von uns, dass wir nach einer „zentripetalen Tendenz“ streben, – wir wählen Tiefe über Breite, intensives Lesen statt ausgiebiger Lektüre – damit wir weise werden, statt nur informiert zu sein. (Übersetzung und Hervorhebung von mir)

Fußnote

[1] In der englischen Welt gibt es für das ablenkungsfreie und konzentrierte Arbeiten (auch gerade in der digitalen Welt) einen Begriff, der meines Wissen nach von Cal Newport geprägt wurde:“Deep-Work“. Newport definiert sie wie folgt: „Professional activity performed in a state of distraction-free concentration that push your cognitive capabilities to their limit. These efforts create new value, improve your skill, and are hard to replicate“ (https://doist.com/blog/complete-guide-to-deep-work/). Ich verstehe Lesen als eine Form dieser Arbeit und denke, dass man sich für das tiefe Lesen an den Anregungen von Newport orientieren kann. Hier geht es zu seinem Buch in deutscher Sprache.

Beitrag teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.