Christus allein

Wir können nie alles tun, was wir wollen

Es war an einem schönen Spätsommertag. Ich war Student der Wirtschaftspädagogik und die VWL-Vorlesung war kurzfristig ausgefallen. Während wir vor dem Auditorium saßen und überlegten, ob wir unsere Freude noch durch die Investition in einen Kaffee erhöhen könnten, warf einer meiner Kommilitonen einigen Studentinnen Blicke hinterher, die nicht schwer zu deuten waren. Ich weiß nicht mehr, was ich dazu angemerkt habe, jedenfalls verteidigte sich mein Mitstudent: „Appetit holt man sich auswärts, aber gegessen wird zuhause…“.

– Sind Christen eigentlich kleinkariert, wenn sie mit dem Verweis auf die Worte von Jesus sogar einen solchen Blick verurteilen? Jesus sagt:

„Jeder, der eine Frau mit begehrlichem Blick ansieht, hat damit in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen“ (Matthäus 5,28 NGÜ)?

Er bezieht sich dabei auf das Letzte der Zehn Gebote:

Exodus 20,17: Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Rind, Esel noch alles, was dein Nächster hat. (LU 2017)

Es ist doch ganz offensichtlich, dass das Christsein unsere Freiheit beschneidet: Du sollst nicht, du darfst nicht, und selbst ein Gedanke ist verwerflich… Da bleibt nicht mehr viel Freiheit übrig, oder?

Was ist Freiheit?

Wenn wir den Begriff „Freiheit“ verwenden, dann verstehen wir darunter meistens, alles zu tun, was wir wollen. Und so sind Christen schnell die Verlierer, weil man nicht lange überlegen muss bis man ein paar Gebote findet. Aber diese Argumentation hinkt: Wir können nie alles tun, was wir wollen! Lass mich das anhand eines Begriffs aus den Wirtschaftswissenschaften erklären (um zu beweisen, dass ich auch einige VWL-Vorlesungen besucht habe): In der VWL spricht man u.a. davon, dass wir den Nutzen maximieren wollen (in der BWL den Gewinn). Aber jeder muss anerkennen, dass wir den Nutzen bzw. Gewinn nicht auf jede Weise zugleich maximieren können:

  • Entweder ich gehe in den Semesterferien arbeiten um mir ein neues Notebook zu kaufen oder ich lege mich auf die faule Haut.
  • Entweder ich nutze die Räume als Bürogebäude für das Unternehmen oder ich vermiete sie.

Beides zugleich geht nicht. Auf etwas muss man verzichten. Diesen Verzicht nennt man in den Wirtschaftswissenschaften „Opportunitätskosten“ (Verzichtskosten; es ist der entgangene Erlös). Wir haben nicht die Freiheit, zu tun, was wir wollen. Man muss „wirtschaften“, d.h. möglichst kluge Entscheidungen treffen, um den maximalen Nutzen bzw. Gewinn zu erzielen. Was bedeutet das für unser Verständnis von Freiheit? Tim Keller (in Making Sense of God: An Invitation to the Sceptical, S. 101f) verwendet das Beispiel eines älteren Mannes, der gerne ausgiebig isst. Außerdem verbringt er gerne Zeit mit seinen Enkeln. Diese beiden Tätigkeiten spielen eine wichtige Rolle in seinem Leben. Doch eines Tages bekommt er von seinem Arzt die eindeutige Anweisung: „Wenn du deinem Essen nicht sofort deutliche Grenzen setzt, werden deine Herzprobleme größer werden und du riskierst einen Herzinfarkt.“ Was wird der Mann nun machen? Entweder er verzichtet auf das gute Essen oder auf darauf, die Beziehung zu seinen Enkeln möglichst lang zu erhalten. Seine Entscheidung liegt auf der Hand, aber es zeigt eben auch: Der Mann ist nicht frei, zu tun was er will. Er muss eine Entscheidung treffen. Die Frage lautet also nie „Wie kann ich in kompletter Freiheit leben?“, sondern „Auf welche Freiheit sollte ich verzichten, damit ich maximal frei sein kann?“

Die zehn Freiheiten Gottes

Das ist die Realität, in der wir leben. Auch in anderen ethischen Fragen haben wir nicht die Freiheit, zu tun was wir wollen. Wir müssen eine Entscheidung treffen, die im besten Fall zur maximalen Freiheit führt. Das gibt uns den richtigen Blick für die zehn Gebote. Die zehn Gebote wurden von jemandem auch treffend die „Zehn Freiheiten“ Gottes genannt. Gott schenkt uns darin in komprimierter Fassung die Anleitung zur maximalen Freiheit. Auch das zehnte Gebot ist ein Wegweiser zur Freiheit und nicht ein sinnloses Verbot Gottes, der uns den Spaß verderben möchte. Grudem spricht in seiner Ethik von „wunderbaren Segnungen“ des zehnten Gebotes. Im nächsten Artikel werde ich einige dieser Segnungen erläutern.

Beitrag teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.