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Die Heiligkeit Gottes

Seit einigen Wochen darf ich das wohl bekannteste Werk des 2017 verstorbenen amerikanischen Theologen R. C. Sproul lesen: das Buch Die Heiligkeit Gottes. In dem Klappentext der vom CLV 2018 neu verlegten deutschen Ausgabe heißt es: „Die Heiligkeit gehört zu den vernachlässigten Wesenszügen Gottes. Heute wird viel von seiner Liebe gesprochen, aber seine Heiligkeit findet nur selten unsere Aufmerksamkeit.“ Diese Beschreibung trifft meiner Meinung nach auch auf viele evangelikale Gemeinden in Deutschland zu. Auch Gemeinden, in denen reformatorische Wahrheiten neu entdeckt und lieben gelernt werden, können Gefahr laufen, eine Unausgewogenheit zwischen Gottes Heiligkeit und Liebe, zwischen seiner Gerechtigkeit und Gnade zu erzeugen. Dabei gehören diese Eigenschaften untrennbar zusammen.

Sproul versteht es, diese (alte) Wahrheit der Einheit trotz scheinbarer Gegensätzlichkeit auf eindrückliche Weise zu beschreiben. Er zeichnet ein biblisches Bild von Gottes „maximaler“ Heiligkeit und Gerechtigkeit, vor dessen Hintergrund die Größe und Herrlichkeit seiner erwählenden Gnade umso heller aufleuchtet. Insbesondere das Kapitel „Heilige Gerechtigkeit“ hat mir persönlich geholfen, sogenannte „Problemstellen“ im Alten Testamtet vom Standpunkt der Heiligkeit Gottes neu zu bewerten: Sproul macht deutlich, dass Gottes radikale Gerichte (z.B. an Nadab und Abihu für das Opfern mit „fremdem Feuer“ oder an Ussa, der die Bundeslade unerlaubt berührte) nicht Ungerechtigkeit oder zumindest Unverhältnismäßigkeit auf Seiten Gottes offenbaren, sondern vielmehr einzelne Situationen darstellen, in denen Gott den Menschen auf drastische Weise an seine immerwährende Heiligkeit erinnert.

Das folgende Zitat ist ein Auszug aus dem genannten Kapitel. Es zeigt das Ausmaß von Sünde angesichts der Heiligkeit Gottes:

Sünde ist Treubruch eines Ausmaßes, das sich die meisten Menschen gar nicht vorstellen können. Und Sünde ist ein Treubruch gegenüber dem absolut reinen und höchsten Herrscher. Sie ist ein Akt äußerster Undankbarkeit gegenüber dem einen, dem wir alles schulden, dem wir selbst unser Leben verdanken. Haben Sie je über die tieferen Auswirkungen der Sünde, selbst eines kleinen Vergehens, nachgedacht? Was bedeutet unser Ungehorsam, selbst wenn es nur um kleinste Dinge geht? Wir kündigen Gott, dem absolut gerechten Gott, damit die Treue auf. Wir setzen ihm unser Nein entgegen. Jeder von uns sagt im Grunde: „Gott dein Gesetz ist nicht gut. Wenn ich selbst etwas beurteile, ist das besser als das, was du dazu sagst. Deine Autorität gilt nicht für mich. Ich befinde mich nicht unter deiner Verfügungsgewalt. Ich habe das Recht, das zu tun, was ich will. Du kannst mir nichts befehlen.“ Schon die kleinste Sünde ist Widerstand gegen die höchste Autorität. Sie ist Ausdruck des Aufbegehrens. Sie ist Rebellion, mit der wir uns gegen dein einen auflehnen, dem wir alles, was wir sind und haben, verdanken. Sie ist eine Missachtung seiner Heiligkeit.

[…] Unsere Sünde ist nicht nur Treubruch gegenüber Gott, sie bringt auch Gewalt gegeneinander mit sich. Sünde tut immer dem anderen Gewalt an. Das ist keine theoretische Aussage, der jeglicher Wirklichkeitsbezug fehlt. Mit meinen Sünden füge ich anderen Menschen Schmerz zu: Ich verletzte sie, ich vergreife mich an ihrem Besitz, ich schädige ihren Ruf, ich raube ihnen einen Teil ihrer kostbaren Lebensqualität, ich mache ihre Träume und ihr Streben nach Glück und Zufriedenheit zunichte. Können wir uns da noch wundern, dass Gott Sünde so ernst nimmt?

Angesichts der scheinbaren Härte, mit der Gott Sünde im Alten Testament richtet, wird derjenige Aspekt des Geheimnisses der Sünde deutlich, der sich uns am wenigsten erschließt. Er besteht nicht in der Tatsache, dass der Sünder den Tod verdient, sondern darin, dass er im Allgemeinen weiterhin am Leben bleibt.

R. C. Sproul, Die Heiligkeit Gottes, S.132-134, Hervorhebung durch mich.

Das Buch ist übrigens immer noch beim CLV im handlichen Hardcover-Format und für kleines Geld erhältlich.

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