Christus allein

Bedeutende Jahreszahlen russland-mennonitischer Geschichte | 1941

Einleitung zur Artikelreihe: Mit der Reihe „Bedeutende Ereignisse mennonitischer Geschichte“ möchte ich anhand einiger wesentlicher Jahreszahlen einen groben Rahmen liefern, um die Geschichte der Russland-Mennoniten zu erfassen. Meine Absicht ist es vor allem bei denjenigen, die Nachfahren dieser Gruppierung sind oder sich hierzu zählen, Interesse an ihrer Geschichte zu wecken und zugleich Schubladen im positiven Sinne zu bieten, in die sie ihr bisheriges Wissen einsortieren können. Bisher sind in dieser Reihe Artikel zu den Jahren 1525, 1527, 1530, 1789, 1860, 1869, 1902, 1917 und 1929 erschienen.

Zwölf Jahre nach Beginn der Zwangskollektivierung und dem neuen Religionsgesetz, welches das Gemeindeleben nahezu auslöscht, kommt das nächste große Übel, Hitler greift die Sowjetunion an. Die deutschen Mennoniten sind nun in den Augen ihrer russischen Nachbarn Feinde in den eigenen Reihen und potentielle Vaterlandsverräter.

1941 | Krieg zwischen Deutschland und der Sowjetunion

Aus Angst, dass die Mennoniten mit der deutschen Wehrmacht kooperieren könnten, lässt Stalin die Mennoniten und andere Deutsche weiter in den Osten Russlands deportieren. Hitlers Truppen überlaufen die Ukraine jedoch in so einem Tempo, dass die Kolonien in der Ukraine im Gegensatz zu denen an der Wolga nur teilweise „evakuiert“ werden. Viele Deutsche werden in die sogenannte Trudarmee (Arbeitsarmee) einberufen, wo sie unter schrecklichen Bedingungen, wie Hunger und Kälte, Teile des russischen Urwalds roden müssen. Schätzungsweise zwei Drittel von ihnen sterben an Krankheit und Unterernährung.

Ein ehemaliger Trudarmist, der aus einem mennonitischen Dorf in Orenburg als Jüngling mit 15 Jahren einberufen wurde, berichtet, dass in den ersten Jahren von den ca. 1.400 Männern jede Nacht bis zu 25 Tote aus der Baracke getragen wurden. Im Winter wurden die Leichen oft einfach gestapelt und erst im Frühling in Massengräbern verscharrt. In anderen Fällen hat man die Leichen einfach in den Wald gefahren, wo sie dann im Frühling von Tieren und Vögeln gefressen wurden.[1]

Als 1945 der Krieg endet, sind die Mennoniten in ganz Russland verstreut. Sie arbeiten unter menschenunwürdigen Bedingungen in Wäldern und Bergwerken, die sie nicht verlassen dürfen, da sie unter der Meldepflicht (Kommandantura) stehen. Viele von ihnen sind fern von ihrer Familie, ohne den Zusammenhalt, den sie aus den mennonitischen Kolonien kennen und ohne die geistliche und ermutigende Gemeinschaft in der Gemeinde. Erst 1956 wird die Meldepflicht aufgehoben. Die Mennoniten dürfen sich ihren Wohnort jetzt frei wählen, davon ausgenommen ist ihr ehemaliger Wohnort. Mit Eifer suchen die Überlebenden nach ihren Angehörigen, was bei den einen zu einem freudigem Wiedersehen und bei den anderen zu tiefer Trauer führt. Größere Gruppen sammeln sich nun in Zentralasien, wie z.B. Kasachstan, wo innerhalb kurzer Zeit große Gemeinden entstehen, andere bleiben an ihren Verbannungsorten und gründen hier Gemeinden (z.B. Altai, Nowosibirsk). Nun geht die Saat auf, die von den Müttern und Großmüttern gelegte wurde, die trotz des Religionsgesetzes den Kindern die Bibel und das Beten nahegebracht hatten.

Das geistliche Leben begann sich nach 1956 wieder zu entwickeln. Konfessionelle Unterschiede erschienen unbedeutend. Es kam jetzt darauf an, dass einer als Christ wiedergeboren war, gleichgültig, ob er von Haus aus Baptist, Pfingstler, kirchlicher Mennonit, Mennoniten-Bruder oder Lutheraner war. Eine Erweckung ging durch weite Kreise auch der russischen Bevölkerung. Das geistliche Leben in diesen Gemeinden war intensiv. Vielfach hat sich dort eine besondere Frömmigkeit entwickelt.[2]

[1] Heidebrecht, Hermann; Fürchte dich nicht, du kleine Herde! S. 66
[2] Lichdi, Dieter Götz; Die Mennoniten in Geschichte und Gegenwart S. 159f.

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