Was ist „klassisch“ an der Ehe?

Mit der Erklärung der „Ehe für alle“ zur Gewissensfrage hat Angela Merkel eine erneute Debatte der Thematik gestartet. Das Hauptargument für die „Ehe für alle“, so scheint es, ist ein emotionales: Warum sollen zwei Menschen, die sich lieben, nicht heiraten (dürfen)?

In einem Kommentar in der WELT heißt es, dass die Union nicht hat anerkennen wollen, „dass Schwule und Lesben sich zu den letzten glühenden Verteidigern einer Institution aufgeschwungen haben, die von linker Seite lange bekämpft wurde: die klassische Ehe zwischen zwei Menschen“. Diese Aussage ist – vorsichtig ausgedrückt – nicht durchdacht: Wenn es etwas „klassisches“ an der Ehe gibt, dann doch das, dass dort eine Verbindung von Menschen verschiedenen Geschlechts geschlossen wird – schließlich waren manche Männer im Lauf der Geschichte mit mehreren Frauen gleichzeitig verheiratet, allerding nicht mit Männern! Natürlich würde ich die Polygamie auch nicht als „klassische Ehe“ bezeichnen (ich bin dagegen). Wenn es aber ein Element gibt, welches die Ehe fundamental kennzeichnet(e), dann doch die Verschiedengeschlechtlichkeit und nicht die Verbindung von zwei Menschen.

N.T. Wright ist in diesem Zusammenhang hilfreich:

Stanley Hauerwas macht deutlich, dass die Ehe (gerade die heterosexuelle) nicht einfach auf Liebe basiert:

Schließlich macht Peter Hitchens klar, dass das eigentliche Problem der Zusammenbruch der heterosexuellen Ehe ist (sehenswert!):

 

New Yorker: How St. Augustin Invented Sex

Vor einer Woche ist im New Yorker ein Essay über Augustinus und sein Verständnis von Sexualität erschienen. Albert Mohler hat den Essay in seinem Briefing kommentiert:

This essay by Professor Greenblatt is not only fascinating, it’s also very elegantly written, and it actually is very respectful towards Augustine. It deals with some of the complicated twists and turns of Augustine’s views concerning sin, the gospel, the church, and yes, marriage and sexuality. It’s fairly amazing to open the pages of the New Yorker knowing what this magazine is and find an extended article on Augustine and his theology, to find respectfully and rather accurately presented his engagement with the heresy of the Pelagians, and yes, his understandings of sexuality and marriage. Professor Greenblatt also seems to understand and to respect the fact that Augustine was clearly seeking to ground his understanding of sexuality and marriage within the doctrine of creation and even in what Augustine understood to be a literal interpretation of the book of Genesis.

Ich kann den aufschlussreichen Essay jedem empfehlen, der sich dafür interessiert, wie Augustinus zu seinen die menschliche Sexualität betreffenden Überzeugungen gekommen ist. Greenblatt zeigt auf, dass es zu einfach gedacht ist, Augustinus einfach nur Lustfeindlichkeit vorzuwerfen:

One day in 370 C.E., a sixteen-year-old boy and his father went to the public baths together in the provincial city of Thagaste, in what is now Algeria. At some point during their visit, the father may have glimpsed that the boy had an involuntary erection, or simply remarked on his recently sprouted pubic hair. Hardly a world-historical event, but the boy was named Augustine, and he went on to shape Christian theology for both Roman Catholics and Protestants, to explore the hidden recesses of the inner life, and to bequeath to all of us the conviction that there is something fundamentally damaged about the entire human species. There has probably been no more important Western thinker in the past fifteen hundred years.

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Evangelicalism in One Lifetime: A Conversation with Os Guinness

Einer der brillantesten christlichen Denker der Gegenwart ist, meiner Meinung nach, Os Guinness. Seine Redegabe ist beeindruckend (er spricht ohne Skript druckreif), seine Analyse unserer Zeit ist scharfsinnig, treffend (z.B. hier ab Min 42) und vor allem ermutigend – er hat sich z.B. darüber gewundert, dass die Evangelikalen zum 500. Jubiläum der Reformation nur über die Benedict Option reden.

Albert Mohler hat sich bei Thinking in Public (ein Podcast, den ich grundsätzlich nur empfehlen kann) mit Os Guinness über seine Geschichte,  den Einfluss von Francis Schaeffer (man erfährt z.B., dass Schaeffer eher Zeitschriften als Bücher gelesen hat) und die evangelikale Welt unterhalten. Unbedingt reinhören: „Evangelicalism in One Lifetime: A Conversation with Os Guinness.“

 

Michael Martens: „Persönliche Reformation“

Vor drei Wochen fand vom 27. bis zum 29. April die 7. Evangelium21-Konfernz in der Arche-Gemeinde in Hamburg statt. Über die Konferenz an sich wurde bereits berichtet: Ron Kubsch hat bei Theoblog darüber geschrieben, Hanniel Strebel hat ausführlich berichtet und auch bei der Gospel Coalition ist eine Zusammenfassung erschienen. Ich persönlich bin auch sehr dankbar, dass ich bei der Konferenz dabei war, herausgefordert und ermutigt wurde.

Michael Martens hat über das Thema „Persönliche Reformation“ gesprochen und, wie ich finde, einige sehr wichtige Dinge deutlich gemacht, über die ich hier berichten möchte. Predigtgrundlage war das Gebet von Paulus in Philipper 1, 7-9:

7 So ist es für mich recht, dass ich dies im Blick auf euch alle denke, weil ich euch im Herzen habe und sowohl in meinen Fesseln als auch in der Verteidigung und Bekräftigung des Evangeliums ihr alle meine Mitteilhaber der Gnade seid.

8 Denn Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne mit der herzlichen Liebe Christi Jesu.

9 Und um dieses bete ich, dass eure Liebe noch mehr und mehr überreich werde in Erkenntnis und aller Einsicht

(1) Der Kontext des Gebets

Martens macht deutlich, dass nachdem Paulus die Philipper (die erste europäische Gemeinde) begrüßt hat, er Gott für die Gemeinde dankt und seine Zuversicht zum Ausdruck bringt, dass Gott das Werk vollenden wird (V.6). Martens erinnert an Lydia, die sich in Philippi bekehrt hat und von der es heißt, dass ihr Herz „geöffnet“ wurde (Apg.16). Gott war also derjenige, der das Werk begonnen hat (Sola Gratia), wie Paulus das ja auch im Philipperbrief deutlich macht. Auch der Kerkermeister aus Philippi könnte dabei gewesen sein. Dem hatte Paulus auf seine Frage, was er denn tun müsse um gerettet zu werden, gesagt, dass er an den Herrn Jesus glauben muss (Sola Fide) – von Werken hat Paulus nicht gesprochen.

Gott beginnt also das Werk aus Gnade durch den Glauben. Aber wer vollendet? Manchmal leben und handeln wir so, als müssten wir das Werk vollenden. Paulus sieht das anders: Die Zuversicht von Paulus liegt nicht in den Werken der Philipper (für die er ohne Frage dankbar ist), sondern in dem Wirken Gottes. Wir stehen gerechtfertigt vor Gott und werden durch ihn Christus ähnlicher gemacht – bis das Werk am Tag Christi vollendet ist.

(2) Das Gebet von Paulus: Erkenntnis und Liebe

Martens fragt uns, wofür wir beten (auch wenn wir füreinander z.B. in der Gemeinde beten). Oft geht es um Lebensumstände, wirtschaftliche Fragen und wie uns Menschen behandeln. Das finden wir bei Paulus nicht: Paulus betet für persönliche Reformation. Er betet darum, dass die Liebe überströmt in Erkenntnis und Einsicht. Wie ist da der Zusammenhang? Johannes sagt, dass wir Gott lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. Es geht um Gotteserkenntnis, die sich im praktischen Leben zeigt; um Einsicht, wie ich konkret handeln soll. Liebe, Erkenntnis und Denken gehören bei Gott eng zusammen: Jesus spricht davon, Gott mit dem Denken zu lieben (Mt.22). Hier weist Martens darauf hin, dass derjenige, dem wir am meisten vertrauen, bestimmt, was wahr ist: Das muss Gott sein, der durch sein Wort spricht (Sola Scriptura). Unsere Haltung zu Gott und unsere Gotteserkenntnis sind voneinander abhängig. Gotteserkenntnis ist keine intellektuelle Übung, sondern hat mit unserer Haltung zu Gott und unserem Glauben zu tun.

Was bedeutet das praktisch? Hier nimmt uns Martens mit in den Jakobusbrief. Jakobus spricht im ersten Kapitel von Anfechtungen, die den Glauben stärken sollen und weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Gott gerne demjenigen Weisheit gibt, der ihn bittet. Ist das eine Verheißung? Ja, allerdings ist sie daran gekoppelt, dass wir nicht im Zweifel beten. Mit „Zweifel“ meint Jakobus ein geteiltes Herz (griechisch: zwei Seelen), das nicht voll auf Gott ausgerichtet ist. Die Frage lautet also: Bei wem ist meine Loyalität? Wenn wir vollkommen auf Gott ausgerichtet sind, dann gilt die Verheißung – sie hängt vom ungeteilten Herzen ab. Martens führt als Beispiel Eltern an, die Weisheit für die Kindererziehung haben möchten. Die entscheidende Frage lautet nun, worum es den Eltern wirklich geht: Wollen sie ihre Kinder aus Liebe zu Gott für Gott erziehen, oder ist es ihnen vielleicht einfach nur peinlich, wie sich ihre Kinder aufführen? Jeder muss sich da persönlich fragen, was ihm wichtiger sein könnte als Gott. Es kann passieren, dass wir bibeltreue Überzeugungen haben, uns dann aber Umstände begegnen, die uns dazu bringen diese zu „überdenken“. Wenn es jemand z.B. im Theologiestudium nicht ertragen kann, von anderen belächelt zu werden, weil er oder sie glaubt, die Bibel sei tatsächlich das von Gott inspirierte unfehlbare Wort Gottes. Dann geben wir unsere Überzeugungen für unser Wohlbefinden auf – und sind nicht mehr ganz auf Gott ausgerichtet.

(3) Das Beste für unseren Gott

Oft denken wir, so Martens, in Kategorien von schlecht und gut. Allerdings müssen wir uns manchmal vielleicht zwischen gut und besser entscheiden. Wir sind z.B. traditionell – das ist doch gut, oder? Wir haben dieses und jenes schon lange so gemacht. Aber vielleicht hat Gott etwas Besseres vor? Ein anderes Beispiel ist soziales Engagement in der Stadt. Das ist doch gut, oder? Ja! Aber wenn soziales Engagement die Verkündigung ersetzt und nicht „nur“ Ausdruck des Evangeliums ist, dann verfolgen wir das Gute, nicht aber das Beste. Bei sozialem Engagement (im Gegensatz zur Wortverkündigung) bekommen wir vielleicht Bestätigung von unserer Stadt, aber deshalb dürfen wir die Verkündigung ja nicht aufgeben.

Um schwierige Entscheidungen richtig treffen zu können, muss unser Herz stimmen. Manchmal stehen Missionare vor schwierigen Entscheidungen und fragen sich in Zeiten der Anfechtung, ob sie bleiben sollen oder nicht. Da kommt auf das Herz an: Will man weg, weil es zu stressig ist? Bleibt man, weil man Angst hat, die Gemeinde hält einen für einen Versager? Derartige Entscheidungen sind demnach äußerst vielschichtig und ohne die richtige Herzenshaltung Gott gegenüber, kann man sich gar nicht wirklich für das Beste entscheiden. Jesus hat das Beste getan, auch wenn es schwer war. Manchmal entscheiden wir uns für das Gute, weil das Beste schmerzen würde – das darf nicht sein.

Martens hat zu einer „Egalhaltung“ aufgerufen: Es ist egal, was die Leute sagen, es geht darum, was Gott möchte. Das kann in Beziehungen ganz praktisch werden: Wir alle haben Erwartungen von Anderen (Eltern, Freunde, Gemeinde) und manchmal haben wir Angst, wie die Anderen in gewissen Situationen reagieren werden, wenn wir sie mit der Wahrheit Gottes – dem Besten – konfrontieren. Wenn allerdings die gefühlte Liebe zu anderen nicht das Beste in Gottes Augen ist, dann ist es Pseudo-Liebe. Es ist Lieblosigkeit gegenüber Gott und auch gegenüber dem Nächsten. Die „Egalhaltung“ ist auch für die Predigtvorbereitung wichtig: Wenn wir Gott um Verständnis für den Text bitten, dann muss uns das, was unsere Zuhörer über uns denken (werden), egal sein.

In Philipper 2 wird Jesus beschrieben, dem es „egal“ war, was die Menschen mit ihm machten: Jesus hat den Willen des Vaters erfüllt. Paulus betet, dass unsere Liebe und Erkenntnis immer weiterwachsen, sodass wir jetzt schon Jesus immer ähnlicher werden – bis das Werk am Tag Christi vollendet ist. Dafür betet Paulus. Dafür sollten wir beten. Martens stellt abschließend folgende herausfordernde Frage: Kann unsere Liebe gegenüber den Menschen, die wir lieben, intensiver sein als unser Gebet für sie?

Den Tag Christi im Blick und mit dem Wissen, dass Gott es vollbringt, soll durch persönliche Reformation Ehre für Gott und Segen für andere entstehen. Gott wirkt es durch Christus (Solus Christus) zu seiner Ehre: Soli Deo Gloria.

Worum betest du?

Worum betest du in Not, in Betrübnis? Was kommt über meine Lippen, wenn ich enttäuscht, traurig, frustriert bin?

Als Jesus erschüttert ist wegen des Martyriums, das in wenigen Tagen auf ihn einbricht, sagt er:

„Jetzt ist meine Seele erschüttert, und was soll ich sagen?

(Soll ich bitten:) >Vater errette mich aus dieser Stunde!<?

Nein, gerade deshalb bin ich ja in diese Stunde gekommen: Vater, verherrliche deinen Namen!“  (Joh 12,27f)

Hat die Reformation noch Relevanz für Luthers Heimat?

Auf der Website der Gospel Coalition ist ein Artikel erschienen, in dem Matthias Lohmann und Ryan Hoselton die Frage stellen, ob die Reformation für Luthers Heimat noch Relevanz hat. Leider müssen sie feststellen, dass die Staatskirchen das reformatorische Erbe entweder hinter sich gelassen, oder aber revidiert haben: „While the Roman Catholic church still officially rejects Scripture alone, European Protestant church leaders and university theology faculty now place the authority of human reason, the claims of higher criticism, and individual conscience over Scripture.” Allerdings sieht es in den evangelikalen Gemeinden nicht unbedingt besser aus:

Even the bulk of Europe’s evangelicals and free churches (i.e., those without ties to the state) see little use for the theology of the Reformation. The Reformers’ quest for biblical and spiritual depth has been substituted for deep anti-intellectualism and shallow experientialism. Ministers have largely traded the Reformers’ emphasis on the Christ-centered preaching of the Word for theater performances and moralistic guidelines, and the Protestant doctrine of the priesthood of all believers has warped into therapeutic individualism.

In diesem Zusammenhang stellen die beiden auch die Arbeit und Vision von Evangelium21 vor:

Evangelium 21 (E21), a network of believers in German-speaking Europe committed to renewing the health and vitality of its churches, wishes to offer a different way to commemorate the 500th anniversary of the Reformation. Many of us share the enthusiasm to rediscover the Reformation’s political and cultural significance, and we recognize that the Protestant Reformers were men and women with clay feet like ourselves. Martin Luther’s anti-Semitism and Ulrich Zwingli’s persecution of Anabaptists, among other things, remind us not to look back on the era with a naïve nostalgia for a lost golden age. Nonetheless, we believe the Reformers reclaimed vital biblical truths just as relevant and pressing today as they were 500 years ago.

Vom 27. bis zum 29. April findet in Hamburg die siebte E21-Konferenz statt, die gemeinsam mit Together for the Gospel (T4G) gestaltet wird. Im Zentrum der Konferenz stehen die biblischen Wahrheiten der Reformation und deren Bedeutung für die Gegenwart. Hier besteht (noch) die Möglichkeit, sich zur Konferenz anzumelden.  

Jonathan Haidt and Tim Keller: The Closing of the Modern Mind

Vor einigen Tagen haben Tim Keller und Jonathan Haidt im Rahmen des Veritas Forums über Pluralismus, Glauben und moralische Meinungsverschiedenheiten gesprochen. Die Veranstalter schreiben dazu: „What should be our foundation for morality? How do we deal with the inevitable moral conflict in society? Is morality just a social construct? How do we deal with our biases?

Tim Keller ist den meisten Christen ein Begriff. Jonathan Haidt ist Professor für Psychologie mit einem besonderen Fokus auf Moral. Haidt ist außerdem Atheist, gehört allerdings nicht den „Neuen Atheisten“ an, die für eine aggressive Bekämpfung von Religion plädieren, sondern bezeichnet sich als „Fan“ von Religion (was vielleicht mit seiner akademischen Disziplin tun hat?). Außerdem ist er ein sympathischer, respektvoller und offener Gesprächspartner.

Ich freue mich, dass das Veritas Forum die interessante Diskussion jetzt auch online zur Verfügung gestellt hat: